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15.06.2021, 11:29 Uhr | Christoph Martin Labaj
Internationale Tagung zur Volksabstimmung im Haus Oberschlesien: Wissenschaftsaustausch auf höchstem Niveau
Sebastian Wladarz (SHOS/OSLM)
Die Stiftung Haus Oberschlesien teilt mit
Ratingen - Insgesamt 30 Wissenschaftler aus Polen, Deutschland, Tschechien, Ungarn, Österreich und dem Vereinigten Königreich kamen am vergangenen Wochenende auf Einladung des Stiftungsvorstandes im Haus Oberschlesien in Ratingen-Hösel zu einem internationalen Wissenschaftsaustausch zusammen. Thema war das 100. Jubiläum der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921. Ehrengäste dieser Veranstaltung, die auch via YouTube in Deutsch und Polnisch live gestreamt wurde, waren der Minister für Bundes-, Europaangelegenheiten und Internationales des Patenlandes Nordrhein-Westfalen, Dr. Stefan Holthoff-Pförtner und der Landesbeauftragte für die Belange der deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler Heiko Hendriks.

In seiner Rede betonte der Minister, dass der Abstimmungskampf vor 100 Jahren, der damals von blutigen Auseinandersetzungen begleitet wurde, nicht nur eine regionale Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Polen, sondern ein Konflikt von einer europäischen Dimension war. Damit bleibt die Volksabstimmung ein wichtiger geschichtlicher Aspekt. Im Hinblick auf die internationale Konferenz mit polnischen Partnern sagte Holthoff-Pförtner: „Die enge Verbundenheit mit Polen gehört zur DNA Nordrhein-Westfalens. Unser Land trägt auf vielfältige Weise zu den guten Beziehungen zu Polen bei. Erinnerungskultur muss ein wichtiger Bestandteil unserer Zusammenarbeit bleiben“.

 Vorstandsvorsitzender Sebastian Wladarz wies in seiner Eröffnungsrede auf die unterschiedliche Erinnerungskultur hin: „Die Volksabstimmung in Oberschlesien liegt nun schon 100 Jahre hinter uns. Eigentlich genug Zeit, um ‚Abstand zu gewinnen‘. Trotzdem bin ich mir dessen bewusst, dass die Erinnerungskultur daran sehr unterschiedlich ist. Während sie bei uns in Deutschland fast gänzlich fehlt, legt das Gedenken in Polen den Schwerpunkt auf die Ereignisse rund um den Urnengang, insbesondere auf die sogenannten Schlesischen Aufstände. Dies wird gerade in diesem Jahr ganz deutlich, auch bei den Veranstaltungen, an denen ich teilgenommen habe.“ Der gebürtige Oberschlesier wies deshalb auch auf die völkerverbindende Funktion der Stiftung und des Oberschlesischen Landesmuseums hin. „Wir zeigen hier in Ratingen, dass die unterschiedliche Erinnerungskultur uns nicht trennen muss. Wir sind hier, um den Dialog über ein immer noch wundes Thema in der deutsch-polnischen Geschichte zu führen und das Verständnis für den Blick des jeweils anderen zu schärfen. Wir sind hier, um die Ereignisse von damals mit dem nötigen Abstand zu betrachten - uns aber anzunähern und das Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven zu stärken. Wichtig ist es, den Weg zu einem gemeinsamen Erinnern einzuschlagen“, sagte Wladarz.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde Oberschlesien aufgrund großer Kohlevorkommen, Erzlagerstätten und der dort ansässigen Schwerindustrie zum Spielball geopolitischer Interessen der Siegermächte. Nach dem Ersten Plan, die Region ganz Polen zuzuschlagen und dem deutschen Protest dagegen, sollten die Oberschlesier sich nun gemäß dem Selbstbestimmungsrecht durch eine Volksabstimmung entscheiden, ob sie zu Deutschland oder Polen gehören wollten. Eine neutrale Position gab es wegen des erstarkenden Nationalismus nicht mehr. In der Folge wurden Familien auseinandergerissen, in denen sich manche Mitglieder zur polnischen und andere zur deutschen Seite zugehörig fühlten. Der Abstimmungskampf geriet zu einer Tragödie, die zu mehreren sogenannten Schlesischen Aufständen mit vielen Toten führte.

Die Abstimmung ging zwar mit 60 zu 40 Prozent der Stimmen für den Verbleib im Deutschen Reich aus, in der Fläche warn die Abstimmungsergebnisse uneinheitlich. Während die Großstädte teilweise mit über 80% für Deutschland stimmten, gab es in vielen Landkreisen polnische Mehrheiten. Eine Aufteilung der Region, die bereits im Versailler Vertrag als Möglichkeit festgeschrieben worden war, wurde unumgänglich, wenngleich eine „sinnvolle“ Grenzziehung kaum möglich war. Die erfolgte Teilung Oberschlesiens belastete das deutsch-polnische Verhältnis und war einer von vielen europäischen Konfliktherden, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden und letztlich mit ein Grund für den 2. Weltkrieg waren.


Durch die Gräuel, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs von Deutschen an Polen verübt wurden, war es nach danach lange Zeit nicht möglich, miteinander über die Vorkriegsjahre zu reden. Erst nach 1990 begann sich ein gegenseitiges Interesse zu bilden, das nicht mehr in den Feindbildern der Zwischenkriegszeit verhaftet war. Die Tagung in Ratingen war daher ein Beitrag, gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten.

Für den Kulturreferenten am Oberschlesischen Landesmuseum Dr. David Skrabania, der die Konferenz maßgeblich koordinierte, war der Wissenschaftsaustausch überfällig und notwendig. „Ich habe unter den Fachleuten eine große Lust und Bereitschaft zum Austausch verspürt. Zu keiner Zeit stand infrage, ob die polnischen Partner nach Ratingen-Hösel kommen würden. Das ist großartig“, sagt der promovierte Historiker. 100 Jahre danach sei ein guter Zeitpunkt, sich gegenseitig auf den neusten Stand der Forschung zu bringen. Und für den interessierten Zuschauer am Bildschirm sei es eine prima Gelegenheit, einen multiperspektivischen und möglichst objektiven Blick auf die Ereignisse zu erhalten. „Ich glaube, dass wir mit dieser in deutsch-polnischer Kooperation geplanten Wissenschaftstagung einen Meilenstein zum gegenseitigen Verständnis zwischen Deutschen und Polen gesetzt haben und auch den weiteren wissenschaftlichen Austausch zu schwierigen Themen forcieren, und zwar mit dem Fokus der weiteren Annäherung der gesellschaften beider Länder“, so Skrabania.

Auch Museumsdirektorin Andrea Perlt zeigte sich mit der Veranstaltung mehr als zufrieden. „Eine Tagung von diesem Rang mit so hochkarätigen Referenten und Partnern zu diesem Thema hat es in Deutschland seit Dekaden nicht gegeben. Wir hatten hier wirklich die Creme de la Creme der Wissenschaftswelt aus verschiedenen Ländern zu Gast, aber auch – und das ist für uns sehr wichtig – auch junge Nachwuchswissenschaftler. Insofern war es ein Wissenschaftsaustausch auf höchstem Niveau“, sagt Perlt. Man habe sich damit nun auch in diesem Aufgabenbereich von Stiftung und Museum erfolgreich zurückgemeldet, meint die Historikerin und Betriebswirtin. „Es war neben unserer Sonderausstellung und dem Bildungsfilm ein weiterer Beitrag zur deutsch-polnischen Erinnerungskultur in Bezug zu den Ereignissen zwischen 1919 und 1921.“

Unter dem Strich freuen sich also alle über eine gelungene Veranstaltung. Damit sei das Thema allerdings nicht abgeschlossen, so Kulturreferent David Skrabania. Zur Konferenz werde es einen umfangreichen Tagungsband geben. „Da die Texte darin sehr wissenschaftlich verfasst sein werden, überlegen wir natürlich jetzt schon, in einem weiteren Projekt die Tagungsergebnisse einem breiten interessierten Publikum in anderer Form zugänglich machen. Wir denken hier vor allem an digitale Formate“.

Partner der Tagung waren die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen und das Gerhart-Hauptmann-Haus auf der deutschen Seite sowie das Institut für Nationales Gedenken Kattowitz, das Museum Gleiwitz und das Zentrum für Historische Forschung (Berlin) der Polnischen Akademie der Wissenschaften auf der polnischen Seite.

Bilder:

1.     Abschlussdiskussion: v.l.n.r.: Prof. Igor Kąkolewski (Polnische Akademie der Wissenschaften, Prof. Jörn Leonhard (Uni Freiburg), Dr. Andrzej Michalczyk (Uni Bochum, Moderator), Prof. Ryszard Kaczmarek (Uni Kattowitz), Dr. Guido Hitze (Landeszentrale für politische Bildung NRW)

2.     Europaminister Dr. Stefan Holthoff-Pförtner bei seiner Eröffnungsrede

Links zu den Streams:

http://www.oberschlesisches-landesmuseum.de/besuch/veranstaltungen2/1256-tagung-am-11-12-juni-2021.html

Sebastian Wladarz


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