Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. - Heimat ∙ Vaterland ∙ Europa 
20:09 Uhr | 29.11.2020 StartseiteStartseiteKontaktKontaktImpressumImpressumSitemapInhaltsverzeichnis
Briefmarke zum 100. Jubiläum der Volksabstimmung in Oberschlesien (1921) hier erhältlich
"Oma kommt aus Schlesien" 
„Oma kommt aus Schlesien. Die Erinnerungen der Nachfahren“
"Seminar von HAUS SCHLESIEN in Kooperation mit dem Kulturreferenten für Oberschlesien der BKM“

Das zweitägige Seminar (03.-04.10.2020) im Haus Schlesien in Königswinter richtete sich vornehmlich an die Nachkommen der nach 1945 Vertriebenen, aber auch an alle Interessierten. Die heterogene Teilnehmergruppe fühlte sich nicht nur inhaltlich, sondern oft auch emotional mit dem Thema verbunden. Ein aus Gleiwitz stammender Zeitzeuge berichtete aus erster Hand.



Nach einer Begrüßung durch die Leiterin des Informations- und Dokumentationszentrums des Hauses Schlesien, Nicola Remig, und unseren Kollegen, den Kulturreferenten der Stiftung Haus Oberschlesien, Dr. David Skrabania, begann ein Vortrag unter dem Titel „Omas Weg nach Westen. Flucht, Vertreibung, Aussiedlung, Integration von 3,2 Mio. Menschen aus Schlesien 1945-1965“ von Prof. Dr. Winfrid Halder von der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf.

Das Leitmotiv des geschichtlichen Abrisses waren Elisabeth und Edeltraud, zwei oberschlesische Frauen, die sich nach einem langen Weg in den Westen in den 1950er Jahren schließlich jeweils in Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt niedergelassen haben. Wie es sich am Ende des Vortrags herausstellte, handelte es sich dabei um die beiden Großmütter Prof. Dr. Halders. Danach folgte, wie nach jeder Sequenz, eine in Kleingruppen moderierte Gesprächsrunde, bei der die Teilnehmer ihre persönlichen Eindrücke schilderten.

Anschließend sprach der Historiker vom Haus der Geschichte in Bonn, Achim Westholt, über die „Neue Heimat?! Zur Ankunft der Flüchtlinge und Vertriebenen“. Der Vortrag basierte auf einer Ausstellung und erläuterte die Situation der Vertriebenen im Westen. So konnte man sich u.a. einen Eindruck über die schwierigen Zeiten in den Durchgangs- und Standlagern verschaffen. Am Abend wurde der Dokumentarfilm Meine Oma in Schlesien von Clara Hahn vorgeführt.

Dr. med. Bertram v. der Stein, ein Psychotherapeut in Köln, berichtete von den „Spätfolgen von Flucht und Vertreibung für 3 Generationen“. Dabei schilderte er Einzelfälle aus seinem Berufsleben. Bis in die 80er Jahre sei das Thema „Flucht und Vertreibung“ tabu gewesen. Der Beginn der psychologischen Forschung sei durch eine Untersuchung der Stadtgeschichte Breslaus 1996 erfolgt. So würden zunächst ehemalige KZ-Internierte behandelt, wodurch erst die Auseinandersetzung mit den Erlebnissen der Vertriebenen zustande käme. Laut v. der Stein würden traumatische Erlebnisse an weitere Generationen weitergegeben. Diese äußerten sich in Schuldgefühlen, Verdrängung, Aggression, sowie Überanpassung. Zugleich sei die Berufswahl der Nachkommen oft kein Zufallsprodukt. Viele von ihnen wählten soziale Berufe wie Mediziner, Polizist oder Sozialarbeiter.  

Das Haus Schlesien bot anschließend eine Führung durch das eigene Museum bzw. alternativ den Außernbereich an. Besonders beeindruckend war der aus Zitronenholz gebaute Originalflügel Gerhart Hauptmanns des Herstellers "Steinway & Sons", der aktuell regelmäßig genutzt würde.





Der letzte Vortrag „Oma kommt aus Schlesien. Die Erinnerungen der 2. Generation“ stammte von der Berliner Autorin Roswitha Schieb. Sie betonte u.a., dass die Nachkommen der Vertriebenen oft am Syndrom der „Überidentifikation“ litten.





Die Tagung bot insgesamt nicht nur die Gelegenheit, sich über das Thema „Flucht und Vertreibung“ zu informieren, sondern auch über die eigene Biografie und die damit verbundenen Schicksalsschläge zu sprechen. Für die Teilnehmer wurden manche Fragen geklärt, andere stellten sich erst hier. Dadurch wird deutlich, dass die 75 Jahre alten Ereignisse auch heute aktuell sind.  

Folgende Medien für weitere Beschäftigung mit den Themen der Tagung wurden von den Vortragenden empfohlen:

-    Bode, S.: Die vergessene Generation (Klett 2020)
-    Bode, S.: Kriegsenkel (Klett 2020)
-    Bode, S.: Nachkriegskinder (Klett 2019)
-    Deppe, H.: Grün ist die Heide (Berolina Filmproduktion 1951)
-    Kossert, Andreas: Kalte Heimat (Siedler 2008)
-    Lamparter, U. u.a.: Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms und ihre Familien (Vandenhoeck/Ruprecht 2013)
-    Schieb, R.: Der Hof (Fischer 2020)
-    Schieb, R. u.a.: Zugezogen. Flucht und Vertreibung (Schöningh 2016)
-    Thiele, R.: Mamitschka (Filmaufbau GmbH 1955)

Programm

Bilder


Christoph Martin Labaj (06.10.2020)
 
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