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Aktuell
09.08.2022, 13:22 Uhr | Stefan P. Teppert, M. A.
Als Polen wieder auf der Landkarte erschien
Der historisch-politische Arbeitskreis des Heimatwerkes Schlesischer Katholiken e. V. veranstaltete am 25./26. Juni 2022 im Erbacher Hof in Mainz eine Tagung über Oberschlesien in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Vorstandsvorsitzender Dr. Bernhard Jungnitz begrüßte Referenten und Teilnehmer und erläuterte das Programm der Tagung.
v.l. Dr. Bernhard Jungnitz, Prof. Dr. hab. Damian Szymczak, Dr. Evelyne Adenauer, Marius Urbanik M. A., Prof. Dr. Rainer Bendel, Prof. Dr. hab. Ryszard Kaczmarek, Dr. Roman Smolorz (© Teppert)
Mainz - Prof. Dr. Rainer Bendel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft katholischer Vertriebenenorganisationen (AKVO) in Stuttgart, hatte die Tagung zusammen mit dem Heimatwerk organisiert, führte in das Thema ein und moderierte das weitere Programm. Er zitierte einleitend das mahnende Wort des Breslauer Fürsterzbischofs Bertram, das er am 8. März 1919 geschrieben und in katholischen Zeitungen publiziert hatte, eine Bekräftigung seines Fastenhirtenbriefes kurz zuvor, worin er bereits zwei Jahre vor der Volksabstimmung zur Mäßigung nationaler Emotionen aufruft und vor Aufstachelung und Verhetzung warnt. Bendel wies darauf hin, dass die Tagung bereits 2021 stattfinden sollte, 100 Jahre nach der Volksabstimmung, jedoch durch die Corona-Pandemie verschoben werden musste. Weitere Motive, sie nunmehr nachzuholen, seien Ähnlichkeiten in gegenwärtigen Situationen, bei denen ebenfalls umstrittene Gebiete, Propagandaschlachten und die Frage nach der Rolle der Kirche eine Rolle spielen, sowie neue Quellen, die zur Erforschung der Thematik beitragen können.

Die 1978 in Oberschlesien geborene Historikerin Dr. Evelyne Adenauer arbeitete heraus, dass gegenüber der oberschlesischen Frage in der Abstimmungszeit 1919 bis 1921 eine leidenschaftliche Politisierung nicht nur das oberschlesische Abstimmungsgebiet im Allgemeinen erfasst hatte, sondern auch die katholische Kirche, sodass diese mit ihren Protagonisten, Klerikern und Laien, zum Spiegelbild der Gesellschaft wurde. Die zu über 90 Prozent katholische Bevölkerung im oberschlesischen Abstimmungsgebiet lag in den Grenzen der Erzdiözese Breslau, der größten des Deutschen Reiches, ja eine der größten der Welt, in der etwas mehr als zwei Millionen Katholiken lebten und der seit 1914 Adolf Bertram vorstand. Als Kardinal und Erzbischof habe Bertram sich nachdrücklich aus allem Politischen herausgehalten, offiziell die volle Unparteilichkeit gewahrt und zu verhindern gesucht, dass die Kanzel zu politischer Agitation missbraucht wurde. Dennoch wurde er beschuldigt, gegen alle polnischgesinnten Priester vorzugehen. Eine Flut von Angriffen und Verdächtigungen nahmen ihm seine Ruhe. Auch der Apostolische Oberkommissar Achille Ratti, der zu Bertram ein kritisch distanziertes Verhältnis hatte, sei trotz seiner strengen Neutralität in den Strudel der nationalen Zuschreibungen hineingerissen und von polnischer Seite angegriffen worden. Sein Nachfolger Giovanni Baptista Ogno Serra verbot deshalb dem Klerus die politische Stellungnahme noch grundsätzlicher. Nichts war also schwieriger, so Adenauer resümierend, als neutral und fern jeder Politik zu bleiben, oder besser gesagt, seine neutrale Haltung nicht politisch interpretiert zu sehen. Obwohl nationale Spaltung zuweilen das Gemeindeleben zerstören konnte, sei dennoch wohl die Mehrheit der Priester im Abstimmungsgebiet unpolitisch und neutral geblieben und habe ihre nationale Einstellung nicht kundgetan. Wenngleich ein einheitliches Bild des oberschlesischen Abstimmungsgebietes mit Blick auf die katholische Kirche nicht zu zeichnen sei, kam Adenauer zu dem Ergebnis, dass ein in die Lager der Polen und der Deutschen gespaltenes und von politischen Leidenschaften dominiertes Oberschlesien wenig Raum für Menschen ließ, die sich der nationalen Vereinnahmung enthalten wollten oder konnten.

Der Rechtshistoriker Prof. Dr. hab. Damian Szymczak von der Universität Posen referierte über die Entwicklungen vom Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Ratifizierung des Versailler Friedensvertrags und seiner Umsetzung durch die Schaffung von mehr als zehn neuen Nationalstaaten in Europa mit den dafür notwendigen Grenzziehungen, darunter Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei, die sich durch den Zerfall der monarchischen Reiche bilden konnten. Er skizzierte auch die Rezeption bei den betroffenen Nationen, mit Fokus auf das entstehende Polen und stellte seine Protagonisten, Gremien und Gruppierungen vor, die entsprechende Entwicklungen anstießen und voranbrachten. Darüber hinaus beleuchtete Szymczak die rechtlichen Hintergründe des Versailler Friedensvertrags, die er mit historischen Bildern und Karten veranschaulichte. Zum Versailler Vertrag könne man sehr unterschiedliche Meinungen haben, ihn juristisch in Ordnung finden oder aber als totales Unrecht ansehen. Für Polen sind der Weltkrieg und Versailles die Ermög¬li¬chung seiner Wie¬der¬ge¬burt als Staat. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte mit seinen 14 Punkten den Kriegseintritt der USA begründet und die Demokratisierung Europas projektiert. Der auf amerikanische Initiative neu ins Leben gerufene Völkerbund sollte den Frieden garantieren. Während Roman Dmowski seit 1917 mit dem „Pol¬ni¬schen Natio¬nal¬ko¬mi¬tee“ in Paris gegen¬über den Alli¬ier¬ten die pol¬ni¬sche Sache vertrat noch bevor Polen auf der Landkarte existierte, kämpfte Józef Pil-sud¬ski nach der Staats¬grün¬dung gegen die Nach¬barn in ver¬schie¬de¬nen krie¬ge¬ri¬schen Kon¬flik-ten um die pol¬ni¬schen Grenzen – und schuf Tat¬sa¬chen. Szymczak nannte Stanislaw Adamski als Politiker der Zweiten Polnischen Republik und späteren Bischof von Kattowitz sowie Wojciech Korfanty als Vater der schlesischen Autonomie in Polen und späteren polnischen Ministerpräsidenten. Doch bei allem Bemühen, Europa eine neue Ordnung zu geben, Sicherheit zu schaffen und den Wiederaufbau zu organisieren, konnte der in Versailles geschlossene Frieden nicht wirklich tragen, besonders weil Deutschland, dem die alleinige Kriegsschuld mit großen Gebietsverlusten und gewaltigen Reparationszahlungen aufgebürdet wurde, ihn als demütigendes Diktat empfand.

Der Vortrag von Dr. Maik Schmerbauch von der Universität Hildesheim wurde krankheitshalber online überspielt. Schmerbauch befasste sich mit der Seelsorge für die deutschen Katholiken in der polnischen Diözese Kattowitz, die nach der am 20. Oktober 1921 vom Völkerbund beschlossenen Abtretung Ostoberschlesiens an Polen entstanden war und nun zur polnischen Wojewodschaft Schlesien gehörte. Ein Dekret von Papst Pius XI. formte dieses vormalige Delegaturgebiet von Breslau zur Apostolischen Administratur Silesia Superior mit der Wertigkeit eines Bistums um. Am 5. November 1922 wurde der Salesianerpater Augustin Hlond als Administrator, ab 1925 als Erzbischof eingesetzt. Für die rund 150.000 Katholiken in Ostoberschlesien, die sich als Angehörige des deutschen Volkstums verstanden und unversehens in einem anderen Staat leben mussten, war die Abtrennung schwierig und schmerzhaft, eine kulturelle Katastrophe. Sie fürchteten Diskriminierung und gingen mit ihren Klagen bis vor den für Minderheitenschutz zuständigen Völkerbund in Genf. In den ersten Jahren nach 1922 schaukelte sich der Nationalitätenkonflikt hoch, gefördert auch durch die neue Wojewodschaft Schlesien, die kaum als deutschfreundliche gesehen werden könne, so Schmerbauch. Obgleich viele von ihnen in den Folgejahren auswanderten und die Situation konfliktbeladen blieb, sei dennoch das Zusammenleben nicht unmöglich gewesen. Die Deutschen hätten auch ihr kirchliches Leben normal weiterführen können. Hlond habe zwar nicht allen ihren Beschwerden stattgeben oder nachgehen können, aber mit dem Diözesanblatt „Der Sonntagsbote“ habe er ein Medium ins Leben gerufen, das von Juli 1925 bis Mai 1943 erschien, für die Deutschen des Bistums eine intensivere Teilhabe am kirchlichen Leben ermöglichte und zusammen mit der Zeitung des deutschen Politikers Eduard Pant gegen Bolschewismus und Rassenideologie kirchliche Positionen verteidigte, ohne jemals ein schlechtes Wort über die Polen zu verlieren. Bis heute sei der Sonntagsbote eine erstrangige historische Quelle des untergegangenen deutschen Katholizismus in der Diözese Kattowitz. Schmerbauch gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass beide Völker aus der schlesischen Kirchengeschichte gelernt haben.

Prof. Dr. hab. Ryszard Kaczmarek, Leiter des Lehrstuhls für Archivistik und Geschichte Schlesiens an der Schlesischen Universität Katowice, behandelte die drei bewaffneten polnischen Aufstände im zu Deutschland gehörenden Oberschlesien in den Jahren 1919 bis 1921. Erklärtes Ziel der Aufständischen war es, Oberschlesien an das neugegründete Polen anzuschließen. Kaczmarek, der sich seit vielen Jahren mit dieser Thematik befasst und diverse Veröffentlichungen dazu vorgelegt hat, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf vier Fragen: inwieweit es bei allen drei Aufständen lokale und spontan gebildete Formationen waren oder ihre Aufstellung, Ausrüstung und ihr Handeln auf Initiative des polnischen oder deutschen Staates zurückging; wie stark die Einheiten auf beiden Seiten waren; wie die Phasen und Kampfhandlungen jeweils verliefen; welche Parallelen es auf polnischer und deutscher Seite gab. Bereits seit Januar 1919 existierte in Oberschlesien eine polnische Militärorganisation, die zwar 27.000 Mitglieder hatte, aber schlecht ausgebildet und ausgerüstet war. Beim ersten Aufstand, der am 16. August 1919 begann, hatte sie mit regulären Einheiten der deutschen Reichswehr zu kämpfen, die den Aufstand am 26. August 1919 niederschlugen. Die Aufständischen erkannten, dass sie staatliche Hilfe brauchten. Nach dem Einmarsch von alliierten Truppen in Schlesien im Frühjahr 1920 bekamen die Aufständischen Zulauf aus Polen, erhielten illegal importierte Waffen und Munition und Unterstützung vom polnischen Militärnachrichtendienst. Ihre Militärorganisation wurde intensiv erweitert, professionalisiert und besoldet der Befehlsgewalt der polnischen Armee unterstellt. Als Organisator gilt der Oberschlesier Wojciech Korfanty, den die Warschauer Regierung zum polnischen Plebiszitkommissar ernannt hatte. Er wollte keinen offenen Krieg gegen Deutschland, sondern lediglich die Willensstärke der oberschlesischen Bevölkerung demonstrieren. Insgesamt forderte der zweite Aufstand im August 1920 mindestens 35 Tote und mehrere hundert Verletzte. Eine weitere massive Aufrüstung der polnischen Militäreinheiten erfolgte nach dem Plebiszit und vor dem dritten Aufstand, den die Deutschen Oberschlesiens durch ihren Selbstschutz am 5. Juli 1921 siegreich beendeten. Korfanty konnte jedoch den 1921 in Paris unterzeichneten Teilungsvorschlag als eigenen Erfolg feiern.

Nach dem Besuch der Heiligen Messe im Mainzer Dom konnten die Tagungsteilnehmer am Sonntag im Erbacher Hof zwei weitere Vorträge hören.

Der Historiker und Politikwissenschaftler Marius Urbanik M. A. aus Kassel nahm die Berichterstattung der liberalen deutschen Presse über die oberschlesische Abstimmungszeit unter die Lupe und stellte sein Fazit vor. Während der ersten beiden Aufstände vom August 1919 respektive August 1920 hätten zumeist noch Sachlichkeit, Unbefangenheit und Aufklärung dominiert, vor dem anstehenden Plebiszit sei aber ein spürbarer Umschwung in der Wahrnehmung zu registrieren. Abgesehen von einzelnen wenigen Versuchen zur Beschwichtigung, in denen u. a. die gegnerische Perspektive beleuchtet und auf die soziokulturellen Grundprobleme eines Referendums in dieser Grenzregion hingewiesen wurde, neigten die Tagesblätter angesichts der Bedeutung des Industriegebietes sowie der Empathie mit der dort lebenden und darbenden deutschen Bevölkerung zu äußerst populistischen und polarisierenden Kommentaren, so der Wissenschaftler. Je länger das Schicksal der Region ungeklärt verblieb, umso stärker sei die Presse in emotionale Animositäten und überbordenden Nationalismus umgeschwenkt. Härter und rauer sei gleichfalls der Tonfall geworden, was vermehrt in despektierlichen und oftmals pejorativen Hetzaktionen mündete. Es könne keinen Zweifel darüber geben, dass die liberalen Tagesblätter für Verwirrung und Unruhe sorgten, statt die Vorgänge in Oberschlesien zu klären. Mit ihrem diffamierenden Schreibstil hätten sie nicht nur ganz bewusst Vorurteile, Hass und Abscheu entfacht, sondern ihre Berichterstattung habe letzten Endes auch zur Verschärfung des Konflikts beigetragen. Exemplarisch lasse sich diese Praxis an der einseitigen Darstellung der anhaltenden Gewaltakte im Laufe des dritten Aufstandes beobachten, wo die Polen durchgängig als die eigentlichen Aggressoren erscheinen, sodass sich das Bild eines unzivilisierten und niederträchtigen Barbarenvolkes nachhaltig verfestigte und in diversen Fällen sogar noch lanciert wurde. Die Aufmerksamkeit galt in allererster Linie dem von Polen ausgehenden Terror, Meldungen über deutsche Anschläge oder polnische Opfer blieben dagegen die Ausnahme, resümierte Urbanik.

Der aus Oberschlesien stammende und in Regensburg lehrende Historiker Dr. Roman Smolorz wertete vatikanische Quellen aus, um die Situation in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg zu betrachten. Eingangs relativierte er den Begriff Vatikan, opportuner sei es, vom Heiligen Stuhl zu sprechen, weil der moderne Vatikan erst 1929 als souveräner Staat festgeschrieben wurde. Der erste Weltkrieg habe die europäische Gesellschaft auch durch das Verschwinden der althergebrachten Ordnung der Imperien erschüttert. Eine Ordnungsmacht bestand aber unangefochten fort: der Heilige Stuhl mit seinen Netzwerken und dem politischen Katholizismus, zumal in den Industriestaaten. Der Hl. Stuhl bildete einen Gegenpol zunächst zum Bolschewismus, später zum Nationalsozialismus, war in der politischen Realität Europas präsent, musste sich aber trotz bestehender Strukturen und Netzwerke in der Situation nach 1918 neu erfinden. Smolorz ging auf seine Rolle in Oberschlesien besonders in der Zeit der Volksabstimmung zwischen 1920 und 1921 ein, eine Periode großer Hoffnungen auf demokratische Lösungen, gerade in schwierigen Nationalfragen. Die zentrale Rolle in der Politik des Hl. Stuhl in Oberschlesien habe der päpstliche Kommissar Achille Ratti gespielt, der spätere Papst Pius XI. In der Breslauer Diözese besaß er keine Verfügungsgewalt, sondern war bloßer Beobachter und Berichterstatter für den Hl. Stuhl. Ratti habe von der „Einheit aller Katholiken“ gesprochen, sich also über die nationalen Interessen der jeweiligen Seite gestellt und dem Kirchenvolk gleiche Signale gegeben. Als der polnische Sejm Mitte Dezember 1920 den Bruch diplomatischer Beziehungen zum Hl. Stuhl androhte, um Bischof Bertrams Verbot der politischen Agitation rückgängig zu machen, war Rattis Mission erledigt. Nach einem Blick auf das Verhältnis Rattis zu Bertram und damit auf die deutsche Kirche konstatierte der Referent, es habe im Interesse des Hl. Stuhls gelegen, in Oberschlesien schnelle Entscheidungen herbeizuführen, um die für die katholische Kirche schädliche nationalistische Fehde auf beiden Seiten zu beenden. Denn die ideologische Auseinandersetzung, die dem Hl. Stuhl ins Haus stand, sei nicht im Nationalismus, sondern weltpolitisch betrachtet im Kommunismus begründet.

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