Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. - Heimat ∙ Vaterland ∙ Europa 
19:49 Uhr | 29.11.2020 StartseiteStartseiteKontaktKontaktImpressumImpressumSitemapInhaltsverzeichnis
Briefmarke zum 100. Jubiläum der Volksabstimmung in Oberschlesien (1921) hier erhältlich
Tagung des Kulturreferats der Stiftung Haus Oberschlesien 
Am 23.10.2020 hat im Haus Oberschlesien in Ratingen eine Tagung des Kulturreferenten der Stiftung Haus Oberschlesien (SHOS), Dr. David Skrabania, stattgefunden, zu der der Bundesvorstand und die Bundesvertretertagung der Landsmannschaft der Oberschlesier e.V. (LdO), sowie der Beauftragte für die Belange von deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern des Landes Nordrhein-Westfalen, Heiko Hendriks, als auch Mitarbeiterinnen des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Claudia Brecht und Martina Rodrigues, eingeladen wurden. An dieser Stelle möchten wir noch einmal unseren Dank an die Herrschaften und ihre Beträge aussprechen. Der thematische Schwerpunkt der Veranstaltung bestand in der Vorstellung der kulturellen Arbeit Dr. Skrabanias für die SHOS.

Nach einer Begrüßung und der Vorführung des Kurzfilms "Blickwechsel. Deutsche im östlichen Europa - eine Entdeckung", stellte Heiko Hendriks seinen Aufgabenbereich vor.

Zunächst begründete Herr Hendriks die Notwendigkeit seiner Position in einem Land wie NRW, wo aktuell ca. 800.000 (Spät-)Aussiedler beheimatet seien. Mit einem Blick auf die Vergangenheit sei zu betonen, dass nach dem 2. Weltkrieg ca. 2,5 Mio. deutsche Vertriebene und Flüchtlinge  aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind. Hinzu käme noch die Zahl von 800.000 Übersiedlern aus der damaligen DDR, noch vor dem Mauerfall. Somit brauche NRW einen Landesbeauftragten, der die Landesregierung bei diesen Themen berate und die entsprechenden Gruppen betreue. Gleichzeitig richtete Hendriks seinen Dank an alle, die sich institutionell aktiv für das Thema "Oberschlesien" engagierten und sich bemühten, es europäisch und historisch an jedermann zu bringen. Diese Einigkeit machte das Thema "Oberschlesien" zu einem starken Teil der europäischen Geschichte. Wie man der Charta der Vertriebenen entnehmen könne, seien damals ebenfalls verschiedene Persönlichkeiten tätig gewesen, die gemeinsam an einem Ziel gearbeitet hätten. Das Land NRW unterstütze somit alle Personen und Institutionen, die dazu beitrügen, die Geschichte, die Kultur sowie den Beitrag der Aussiedler/-innen für die Gesellschaft darzustellen und in die nächsten Generationen zu tragen.

Bei dem Thema "Kulturarbeit" bezog sich Heiko Hendriks auf zwei Fragestellungen des Koalitionsvertrags der CDU und FDP 2017-2022, nämlich, woher stammen die Bürger in NRW und wer macht NRW eigentlich aus. Diese Fragen müssten bei kulturellen Vorhaben, entsprechend zielgruppenorientiert verpackt, zur allgemeinen Neugier und Tätigkeit anspornen. Den praktischen Ausgangspunkt zur Klärung und Erörterung dieses Themas biete die Errichtung eines Hauses der Geschichte Nordrhein-Westfalens, ähnlich dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn, und welches auch die verschiedenen Zu- und Einwanderungsgruppen in NRW aufgreifen sollte und z.B. auch die Aussiedlung nach NRW aus Oberschlesien anhand von Zeitzeugen darstellen könnte. Der LdO und der SHOS werde zudem angeraten, an politische Institutionen in anderen Bundesländern, die keinen Landesbeauftragten hätten, heranzutreten und ihre kulturelle Arbeit dort zu fördern. Das allgemeine Ziel sei es, das Wissen über das Schicksal und die Kultur Oberschlesiens in Europa bekannter zu machen.

Ein weiterer Themenbereich, der Aufmerksamkeit bedürfe, sei Unna-Massen als eine ehemalige Landesstelle für (Spät-)Aussiedler. Denjenigen, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts aus den früheren deutschen Gebieten Osteuropas direkt in Nordrhein-Westfalen ankamen, stehe sie nämlich biografisch sehr nahe. Diese biografische Nähe mache den Zugang zur Geschichte leichter. Darüber hinaus seien auch die Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, die in den vergangenen 20-30 Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind, aufgrund ihrer Altersstruktur, eine wichtige Zielgruppe.
Anschließend äußerte sich Heiko Hendriks zur aktuellen Lage der LdO und der SHOS aus der Sicht der Landesregierung. In der heutigen Zeit, insbesondere aufgrund der Pandemie, spielten digitale Medien eine größere Rolle denn je zuvor. Durch einen kreativen und innovativen Einsatz dieser, müssten das Oberschlesische Landesmuseum, sowie dortige Projekte zu einem Erlebnisort gemacht werden. Ein Erlebnisort wecke bei sog. "Outsidern" Neugier, welche dann weitergetragen werde. Auf diese Weise würde die Jugend im gesamten familiären System angesprochen. Somit sei die Einbindung von Schulklassen in die kulturelle Arbeit von enormer Wichtigkeit. Die Themen "Flucht und Vertreibung", sowie "Aussiedlung" seien bereits ein Teil des Schulcurriculums in einem Umfang von 8-14 Stunden im Geschichtsunterricht in NRW. Dazu gäbe es eine entsprechend erstellte Handreichung für Lehrkräfte. Dr. Skrabania merkte an, die SHOS hätte einen eigenen didaktischen Entwurf zu einer Unterrichtsreihe für die Oberstufe erstellt.

Den nächsten Block übernahm Dr. Skrabania mit der Vorstellung seiner Tätigkeit als Kulturreferent der SHOS nach § 96 BFVG. Sein Ziel sei es, in der Rolle des Projektmanagers und -förderers, die regionale Kulturgeschichte Oberschlesiens in Zusammenarbeit mit thematischen Netzwerken zu verbreiten. Die kulturelle Arbeit und die damit verbundene Projektförderung übernehme Dr. Skrabania als ein sog. "verlängerter Arm" der/des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Seit 2017 habe die SHOS 103 Projekte geplant bzw. durchgeführt. Einige der aufgezeigten Beispiele waren das Brettspiel "Schlesische Eisenbahnreise" und das Podium Silesia-News.

Der Vorsitzende des Bundesvorstandes der SHOS, Sebastian Wladarz, richtete anschließend Dank an das Kulturreferat aus und spornte zur Zusammenarbeit aller Instanzen an, was, wie er betonte, bereits geschehen würde. Ein schönes Symbol dabei war die Ausstrahlung des von der SHOS neulich digitalisierten Originalvideomitschnittes zur Übernahme der Patenschaft des Landes NRW über die LdO 1964.

Das Thema "Kulturarbeit" blieb zunächst an der Tagesordnung. An dieser Stelle sprach der Kulturreferent der LdO, Christoph Martin Labaj, um über seine im Juli angetretene Tätigkeit zu berichten. Zunächst betonte Herr Labaj, dass das MKW ihn im Rahmen seiner vorerst einjährigen Projektstelle vordergründig mit der Aufgabe beauftragt habe, ein Konzept zur Neuausrichtung der LdO in Zusammenarbeit mit der SHOS zu erstellen. Diese Konzeption sei aus mehreren Gründen vital. Wie die Konzeption zur Neuausrichtung der Förderung nach § 96 BVFG aussagt, schwinde aus natürlichen Gründen die damalige Erlebnisgeneration der Flucht und Vertreibung. Ihre Erlebnisse würden nicht selten nur bedingt oder gar nicht an die jüngere Generation herangetragen. Aus diesem .Grund müsse die LdO einen Paradigmenwechsel von einer Gemeinschaft zu einer gemeinschaftlichen Bildungsinstitution vollbringen, um zeitgemäße europäische Kulturarbeit zu leisten. Bei dem Thema "Medien" verwies Herr Labaj auf die regelmäßig aktualisierte Internetseite der LdO und den neu eingerichteten YouTube-Kanal, wo vorerst digitalisierter VHS-Bestand der LdO hochgeladen würde. Er sprach auch von aktuellen Projekten, wie z.B. einer Bildungsexkursion der Kreisgruppe Hamm nach Bad Kissingen und der Produktion einer Operetten-CD in Kooperation mit der SHOS und dem DFK Rybnik. Weiterhin stellte der Kulturreferent den Ablauf bei der Antragstellung auf Fördermittel für Projekte inkl. der zuständigen Dienststellen und Antragsfristen dar. Betont hat er dabei, dass die Landes- und Kreisgruppen sich künftig bezüglich der Antragstellung an ihn wenden möchten.

Präsentation Herrn Labajs zum Herunterladen


 
Es folgte ein historisches Thema. Dr. Skrabania hielt einen äußerst spannenden, mit historischem Bildmaterial bespickten, Vortrag zur Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 und der daraus folgenden Teilung 1922. Es ließe sich sagen, dass die damalige Grenzsetzung der Auslöser für die Entstehung von Minderheiten wäre. Bereits das Ende des 1. Weltkrieges 1918 könnte nicht als ein Synonym für eine Friedensphase bezeichnet werden, denn durch den Zerfall der Großmächte hätte der Krieg der "kleinen Völker" erst begonnen. Für die nach 1918 festgelegte Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit mit der Frage, in welchen Grenzen, spielten damalige nationalistische Einflüsse eine Rolle. Die Reparationszahlungen wären ebenfalls ein bedeutender Aspekt für die Entwicklungen gewesen. Oberschlesien als ein sog. Grenzland sei zu dem Zeitpunkt zu 57% polnisch-sprachig gewesen. Generell ließe sich sagen, dass das Beamtentum in den Städten preußisch, der Landkreis polnisch wäre. Der Versailler Vertrag hätte bereits im Art. 88 angekündigt, dass eine Teilung Oberschlesiens erfolgen würde. 1919 beteuerte der polnische Politiker, Roman Dmowski, auf der Pariser Konferenz, preußische Gebiete für Polen beanspruchen zu wollen. Dem folgte der 1. schlesische Aufstand, der von sozialen Verhältnissen initiiert wurde. Daraufhin ersetzten alliierte Kräfte die preußische Gesetzgebung vor Ort. Mit dem 2. Schlesischen Aufstand 1920 wurde die deutsche Polizei ausgewiesen. Im selben Jahr fand eine Volksabstimmung in Ost- und Westpreußen statt. Als Folge dieser, versprach Polen Oberschlesien eine Autonomie. Am Plebiszit 1921 waren in Oberschlesien Wohnende, dort nur Geborene und dorthin seit 1904 Zugezogene wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung betrug 98%. An dieser Stelle kommentierte Dr. Skrabania zahlreiche Beispiele für sowohl deutsche, als auch polnische Propaganda, welche mit Stereotypen, Metaphern und Bildhaftigkeit die Menschengruppen auf ihre Seite ziehen wollte. 1921 erfolgte der vom Grenzschutz veranlasste 3. Schlesische Aufstand, der im Kampf um den Annaberg kumulierte. Es ließe sich sagen, dass die Zivilbevölkerung an den Handlungen der 3 Aufstände mehr als an den Aktivitäten im 1. Weltkrieg gelitten hätte. Die Grenzsetzung durch Oberschlesien wurde entsprechend dem Vorschlag des italienischen Botschafters in Paris Carlo Sforza vollzogen. 400.000 Menschen wanderten zu dem Zeitpunkt aus Oberschlesien aus. Dr. Skrabania zeigte dann anhand dokumentierter Fotos das Paradox, welches nicht selten durch die neue Grenze entstand. Diese verlief sogar durch Häuser und Kohlegruben, z.B. das Borsigwerk. Damit schloss Dr. Skrabania seinen Vortrag und kündigte weitere Projekte an, die sich mit diesem Thema beschäftigen würden.
 
Die Veranstaltung erwies sich nicht nur als informativ und anregend, sondern hatte auch den Vorteil, die kulturelle Tätigkeit Oberschlesiens beider Institutionen, als auch die Perspektive des Landes NRW vorzustellen. Beim gemeinsamen Mittag- und Abendessen gingen die Gespräche und Diskussionen weiter.

Christoph Martin Labaj




Film: Blickwechsel. Deutsche im östlichen Europa - eine Entdeckung


Fotos

 
0.02 sec. | 159 Visits